Wissensintegration: Hintergrund

Relevanz und Herausforderung für transdisziplinäre Forschung

Die Integration von unterschiedlichem Wissen ist eine der zentralen Herausforderungen transdisziplinärer Forschung. Zugleich begründet sich darin auch der große zusätzliche Wert dieses Forschungsmodus.

Im Kern soll über die Integration unterschiedlicher Wissensbestände ein Beitrag zur Lösung komplexer Probleme geleistet werden; sie wird nicht nur aus reinem Erkenntnissinteresse um ihrer selbst Willen betrieben. Wissensintegration in transdisziplinärer Forschung lässt sich somit definieren als die Verknüpfung unterschiedlicher Wissensbestände bezogen auf ein Problem. Wissen wird dabei sowohl als rationale und begründete Erkenntnis verstanden – das in einem Gegensatz zu Vermutung, Meinung und Glauben steht – als auch in einem umfassenderen Sinn als Alltags- und Erfahrungswissen.

Integration bedeutet zunächst ganz allgemein, einzelne Teile zu einem Ganzem zusammenzufügen. Dadurch können neue Verbindungen zwischen diesen Teilen entstehen. In der Wissenschaft wird häufig zwischen kognitiver (vereinfacht gesagt: inhaltlicher), kommunikativer und sozial-organisatorischer Integration unterschieden. In transdisziplinären Forschungsprojekten kommt der kommunikativen und der sozial-organisatorischen Integrationsdimension eine besondere Bedeutung zu. Sie sind essentiell, um die kognitive (inhaltliche) Wissensintegration zu ermöglichen, auf der der Fokus von TransImpact liegt.

Es gibt auch Grenzen der Wissensintegration: Manche Wissensbestände – wie Theorien oder Methoden – sind zu unterschiedlich, als dass sie sich miteinander verbinden ließen. Können sich die an einem Forschungsprojekt beteiligten Personen nur schwer auf die Perspektiven der anderen Mitglieder eines Forschungsprojektes einlassen, sind der Wissensintegration ebenfalls Grenzen gesetzt. Und schließlich bedarf es Ressourcen für Wissensintegration. Hier spielen vor allem die Förderbedingungen eine wichtige Rolle: Transdisziplinäre Wissensintegration ist oft aufwendig und bedarf daher entsprechender zeitlicher und finanzieller Spielräume von Seiten der Fördermittelgeber.

Neben Grenzen des Möglichen gibt es aber auch Grenzen des Notwendigen: Da das Ziel transdisziplinärer Wissensintegration vor allem darin besteht, Wissen für mögliche Problemlösungen zu erzeugen, müssen unterschiedliche Wissensbestände oft gar nicht vollkommen miteinander zu einer neuen Wissenseinheit (etwa einer neuen Theorie oder Methode) verschmolzen werden. Häufig genügen additive Verfahren. Das könnte etwa für das Problem Luftverschmutzung durch Autoabgase in der Stadt heißen: Für das Teilproblem der Analyse der Abgase wird ein chemisches Verfahren angewendet, für das Teilproblem der Steuerung des Verhaltens der Autofahrer_innen ein politikwissenschaftlicher Ansatz; beide Ergebnisse werden dann miteinander verknüpft, ohne dass die beiden disziplinären Vorgehensweisen verbunden werden müssen. Zudem hängen die Grenzen des Notwendigen auch mit den (möglicherweise unterschiedlichen) Ansprüchen von Projektbeteiligten an die Tiefe der Wissensintegration zusammen: Es kann vorkommen, dass einzelne Personen unterschiedliche Wissensbestände tiefergehender miteinander verknüpfen möchten, als dies für die Erzeugung von relevantem Problemwissen nötig wäre. Zuletzt beeinflussen die Förderbedingungen neben den Möglichkeiten auch die Ansprüche an die Wissensintegration.

Der Prozess der Wissensintegration lässt sich analytisch in fünf idealtypische Schritte unterteilen, die anschließend bewertet und gegebenenfalls wiederholt werden (in der transdisziplinären Forschungspraxis erfolgen diese Schritte meist nicht so linear, wie hier dargestellt):

  • Fragen formulieren: Alle Teammitglieder sollten das Forschungsproblem und die Fragestellung gemeinsam diskutieren und an deren Bestimmung beteiligt werden. Die Ergebnisse bestimmen wiederum den Rahmen der Wissensintegration.
  • Wissen sammeln (Öffnung): Das Projektteam erhebt und sammelt neues, für mögliche Lösungen des Problems relevantes Wissen. Dabei sollte möglichst expliziert werden, warum bestimmte Wissensbestände für relevant erachtet werden und andere nicht. Das jeweilige Wissen der einzelnen Beteiligten bestimmt die Grenzen des Auswahlbereichs.
  • Wissen aufbereiten: Das Projektteam differenziert, kategorisiert und ordnet die Wissensbestände. Dies sollte in für alle Beteiligten verständlicher Weise geschehen, denn nur so kann der nächste Schritt vollzogen werden.
  • Wissen zuspitzen (Schließung): Das Projektteam reduziert das zuvor gesammelte und aufbereitete Wissen im Hinblick auf seine Relevanz für das Problem bzw. die Fragestellung. Dieser Schritt ist sowohl aus inhaltlichen als auch aus pragmatischen Gründen notwendig (nicht jedes Wissen kann integriert werden).
  • Wissen verbinden: Das Projektteam verknüpft die ausgewählten Wissensbestände bzw. führt sie im engeren Sinn zusammen. Das kann beispielsweise bedeuten, dass die verschiedenen Wissensbestände als Elemente in einem Modell zusammengeführt werden, in dem zugleich Verbindungen zwischen diesen Elementen sichtbar werden. Auf diese Weise werden neue Erkenntnisse erzeugt, die wiederum mögliche Antworten auf Fragen bzw. Wissen für Problemlösungen liefern.
  • Bewerten: Das Projektteam prüft die (vorläufigen) Ergebnisse daraufhin, ob sie einen Beitrag zur Problemlösung leisten oder ob relevantes Wissen fehlt. Gegebenenfalls werden die Schritte wiederholt.

Einige ausgewählte Literaturhinweise zum Weiterlesen über das Thema Wissensintegration finden Sie hier.