Thema: Wissensintegration

Unterschiedliche Problemperspektiven zusammenführen

Die Integration verschiedener wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Wissensbestände ermöglicht es, robuste Erkenntnisse für Problemlösungen zu erzeugen. Wie aber lässt sich Wissensintegration erfolgreich gestalten?

Wissensintegration in transdisziplinärer Forschung bedeutet, dass unterschiedliche Perspektiven auf ein im jeweiligen Projekt bearbeitetes Problem zu einer ganzheitlichen Sicht verknüpft werden. Diese unterschiedlichen Perspektiven können beispielsweise beim Problem Luftverschmutzung in einer Stadt aus der Soziologie, der Chemie und einer Kommune kommen, die jeweils spezifisches Wissen zu diesem Problem beitragen können. Das zentrale Ziel einer derartigen Verknüpfung unterschiedlicher – fachlicher, disziplinärer, praktischer – Wissensbeiträge in transdisziplinärer Forschung besteht darin, sozial robustes Wissen zu erzeugen. Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass es anschlussfähiger ist und eher praktisch umsetzbare Lösungen bietet, als es bei einer einzelnen Disziplin der Fall wäre – diese würde typischerweise nur Lösungen für disziplinäre Teilprobleme erarbeiten, die zudem oft praxisfern sind. Für das Beispiel Luftverschmutzung in einer Stadt kann das etwa heißen, dass Wissen über menschliche Verhaltensweisen (Soziologie), über die Zusammensetzung von Abgasen (Chemie) und über politische Steuerungsmöglichkeiten in der Stadt (Kommune) bei der Erarbeitung möglicher Lösungen berücksichtigt wird. Dieses Wissen verfügt über größere Wirkungspotenziale: Es leistet in besonderem Maße einen Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher, aber auch wissenschaftlicher Problemlagen.

Bevor die unterschiedlichen Formen und Arten von Wissen jedoch miteinander verknüpft werden können, müssen sie ausgehend von der jeweiligen Fragestellung im Projekt gesammelt, aufbereitet und zugespitzt werden. Während wir bei der Analyse des Themenschwerpunkts Partizipation gesehen haben, dass es um den Einbezug von Personen (als Wissensträger_innen) geht, geht es bei Wissensintegration auch um Wissensbestände, die losgelöst von Personen sind. Das können schriftliche Quellen oder Ergebnisse von Befragungen sein.

 

Ergebnisse und Empfehlungen für den Aufbau von Wirkungspotenzialen

Die Untersuchung der Forschungsprojekte in TransImpact hat gezeigt, dass für den Aufbau von Wirkungspotenzialen durch Wissensintegration folgende Punkte besonders zu beachten sind:

  • Wenn in einem transdisziplinären Forschungsprozess wissenschaftliches und nicht-wissenschaftliches Wissen einbezogen wurde, steigt die Anschlussfähigkeit der Ergebnisse und damit auch ihr Wirkungspotenzial. Zudem wird das Vertrauen von Praxisakteuren in den Prozess und seine Ergebnisse gestärkt. Dadurch wächst ihre Bereitschaft zum Engagement für die gemeinsame Arbeit und schließlich auch die Akzeptanz der gemeinsam erarbeiteten Ergebnisse.
  • Wirkungsvolle Wissensintegration wird vor allem durch Prozesse ermöglicht, die auf konkreten, sozial-kommunikativen und emotionalen Erfahrungen beruhen. Wenn ein Forschungsteam sich etwa an dem Ort trifft, den es untersucht, kann ein Problem und der lebensweltliche Kontext dort gemeinsam kennengelernt und besser verstanden werden, im Sinne eines „Lernens mit allen Sinnen“.
  • Die Integration von Wissen ist immer auch mit gemeinsamen Lernprozessen der Teilnehmenden verbunden: Die Beteiligten nehmen neues Wissen auf und lernen neue Perspektiven kennen. Dadurch werden ihre Entscheidungen und ihr Handeln im Projekt aber auch in anderen Kontexten beeinflusst.
  • Für den Aufbau von Wirkungspotenzialen ist es nicht nur wichtig, wie unterschiedliche Wissensbestände zusammengeführt werden – darauf wird weiter unten noch genauer eingegangen –, sondern auch, welche Wissensbestände zusammengeführt werden. Nur wenn die Wissensbestände, die integriert werden, für die Problemlösung relevant sind, kann es wirkungsvolle Forschungsprozesse geben.
  • Sowohl Prozesse als auch Produkte – wie etwa Publikationen, Konzepte oder Handlungsempfehlungen – der Wissensintegration sind für den Aufbau von Wirkungspotenzialen eines Projektes wichtig. Die Qualität von Prozessen und Produkten der Wissensintegration sind eng miteinander verwoben:
    • Gelungene Prozesse der Wissensintegration sind wesentlich für die Qualität von Produkten von Projekten. Andererseits sind gute Integrationsprozesse allein noch keine Garantie für gute und wirkungsvolle Produkte.
    • Auch die Arbeit an gemeinsamen (Zwischen)Produkten fördert die Wissensintegration.
    • In den gemeinsamen Produkten sind die Ergebnisse der Wissensintegration über den Forschungsprozess hinaus dokumentiert. Bei Wirkungen, die zeitlich oder räumlich weiter entfernt vom Projekt liegen, kommt es – so unsere These – stärker auf die Produkte an und weniger auf die im Projekt gelaufenen Prozesse der Wissensintegration. Denn diese Prozesse lassen sich nur schwer an Personen vermitteln, die nicht an ihnen teilgenommen haben.

Zentrale Gestaltungsfelder und Rahmenbedingungen für Wissensintegration

Die untenstehende Abbildung fasst die zentralen Erkenntnisse von TransImpact zu Wissensintegration und dem Aufbau von Wirkungspotenzialen zusammen. Dabei unterscheiden wir zwischen Rahmenbedingungen und Gestaltungsfeldern, um so den Blick auf die Aspekte zu schärfen, die sich aktiv gestalten lassen.

TransImpact-Schema Wissensintegration

Schema zum Aufbau von Wirkungspotenzialen über Wissensintegration

Rahmenbedingungen für wirksame Wissensintegration

Rahmenbedingungen lassen sich nur schwer beeinflussen, sind aber wichtig, um die Möglichkeiten und Grenzen für den Aufbau von Wirkungspotenzialen in transdisziplinären Projekten zu verstehen (in der Grafik links). Als besonders relevante Rahmenbedingung für Wissensintegration hat sich die Vorgeschichte transdisziplinärer Forschungsprojekte erwiesen, verstanden als Vorphase oder Vorprojekt, als Vorgeschichte des untersuchten Problems sowie als Vorwissen der Projektbeteiligten. Aber auch die Förderbedingungen stellen eine wichtige Rahmenbedingung dar, etwa was die Auswahl von Wissensbeständen oder was die zeitlichen Ressourcen für die – oft zeitaufwendige – Wissensintegration angeht.

 

Gestaltungsfelder, Anforderungen und Methoden für Wissensintegration

Im Gegensatz zu den kaum beeinflussbaren Rahmenbedingungen zeigen die Gestaltungsfelder (in der Grafik auf der rechten Seite), in welchen Bereichen der Wissensintegration sich aktiv Wirkungspotenziale aufbauen lassen. Die Gestaltungsfelder übersetzen sich jeweils in Anforderungen an die Projektbearbeitenden. Diese sollen eine hilfreiche Orientierung dafür bieten, worauf für eine gelungene Gestaltung der Wissensintegration in transdisziplinären Projekten besonders zu achten ist. Für jede Anforderung haben wir wiederum in exemplarischer Weise und basierend auf entsprechender Literatur Methoden und Vorgehensweisen zusammengestellt, um so noch konkretere Hinweise zum möglichen Vorgehen bei der Wissensintegration zu geben. Ergänzen Sie diese gerne über die Kommentarfunktion, auch im Sinne einer weiterführenden Diskussion.

 

Übergreifende Anforderung: Grobkonzept zu Beginn - Konkretisierung und Anpassung im Prozess

Übergreifend zeigen die Ergebnisse von TransImpact, dass für die Gestaltung einer gelungenen Wissensintegration eine Balance zwischen Planung und Offenheit wichtig ist: Zu Projektbeginn ist es hilfreich, eine grobe Strategie für die Wissensintegration im transdisziplinären Projekt anzulegen. Darin geht es um die erste Klärung von Fragen, wie etwa, was die Ziele der Wissensintegration sind, wer für sie verantwortlich ist oder welche Wissensbestände wann und wie integriert werden sollen. Auch die mit der Wissensintegration intendierten Wirkungen sollten hier bereits durchdacht werden. Im Projektverlauf muss dieses Grobkonzept dann konkretisiert und an die jeweilige Situation und Rahmenbedingungen angepasst werden. Folgende Leitfragen sind für diese frühe strategische Planung hilfreich:

  • Was sind die Ziele und Grenzen der Wissensintegration oder auch: Was ist notwendig, was ist möglich? Hier sollte unter anderem überlegt werden, welche Art von Wissen durch die Integration erzeugt werden soll (etwa eher Systemwissen, Handlungswissen oder Orientierungswissen), was die Interessen und Ansprüche der verschiedenen Projektbeteiligten sind und wie viel Spielraum die Rahmenbedingungen für die (oft aufwendige) Wissensintegration lassen.
  • Welches Mitglied des Projektteams ist zuständig für die Gestaltung der Integrationsprozesse und über welche Kompetenzen sollte diese Person verfügen? Welche Teammitglieder sind an den verschiedenen Integrationsprozessen beteiligt? Auf diese Leitfrage wird als Anforderung mit Hinweisen zu Methoden detaillierter hier eingegangen.
  • Welche Wissensbestände (Fächer, Disziplinen, Praxiswissen) sollen integriert werden? Welches Wissen ist zentral, um Wirkungspotenziale aufzubauen? Wissen über das bearbeitete Problem sollte dabei berücksichtigt werden (mehr dazu siehe hier) und die Auswahl des Wissens sollte expliziert und begründet werden (mehr dazu siehe hier). Die Wissensbestände können an Personen (als Wissensträger_innen) oder andere Quellen (etwa Dokumente oder Ergebnisse von Erhebungen) gebunden sein.
  • Grundsätzlich ist Wissensintegration kein Einzelereignis, sondern eine Daueraufgabe mit Kulminationspunkten, an denen Wissen in intensiverer Weise zusammengeführt wird. Zu klären ist also, wann zentrale Ereignisse der Wissensintegration stattfinden.
  • Wie wird Wissen integriert? Für verschiedene Phasen und Aufgaben bieten sich unterschiedliche Methoden und Vorgehensweisen an. Beispiele für Methoden und Vorgehensweisen sind Visualisierungen, Diskursfeldanalyse oder informeller Austausch. Grundsätzlich sollten ausreichend Zeiten, Räume und Anlässe (wie das Verfassen eines gemeinsamen Handlungsleitfadens) zur Wissensintegration eingeplant werden. Zudem sollten Iterationsschleifen vorgesehen werden und es sollte überlegt werden, wie der grobe Wissensfluss zwischen den verschiedenen Elementen der Integrationsstrategie verläuft, d.h. etwa, wie die Erkenntnisse eines Stakeholder-Workshops von einem wissenschaftlichen Team aufgenommen und weiterverarbeitet werden. Mehr Hinweise dazu, wie sich mit dieser Frage umgehen lässt, finden Sie hier.

Diese zu Projektbeginn erstellte Planung des Integrationsprozesses dient als Vorlage und Orientierung für die einzelnen Phasen des Prozesses. Zudem hilft eine derartige Planung auch zu vermeiden, dass wichtige Aspekte der Wissensintegration vergessen werden.

Im Projektverlauf muss eine beständige Aufmerksamkeit für das Thema Wissensintegration aufrechterhalten werden. Zum einen muss die Strategie in der Umsetzung während des Forschungsprozesses konkretisiert werden. Dabei kann es beispielsweise darum gehen, welche Praxisakteure für den anfänglich eingeplanten Stakeholder-Workshop namentlich eingeladen werden und welche Integrationsmethoden in dem Workshop eingesetzt werden. Zum anderen muss die Planung gemäß der jeweiligen Situation im Forschungsprojekt und der Rahmenbedingungen angepasst werden, da diese sich ständig verändern können.

 

Wissensintegration: Hintergrund

 

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